Gemeindenachricht

Gedenken zum Volkstrauertag: „Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen“


Die Gedenkfeier fand aufgrund des schlechten Wetters in der Kirche St.Wendelin statt. Unser Bild zeigt Bürgermeister Franz Masinio bei seiner Ansprache.

Gedenken zum Volkstrauertag: „Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen“


Die zentrale Gedenkfeier zum Volkstrauertag fand am vergangenen Sonntag aufgrund des schlechten Wetters in der Kirche St.Wendelin statt. Zahlreiche Waldbronner Bürgerinnen und Bürger waren zur Feierstunde gekommen. Der Musikverein Lyra und der Gesangsverein Concordia umrahmten die Feier musikalisch. Pfarrer Andreas Waidler hielt eine kurze Ansprache und Pastoralreferent Thomas Ries sprach ein Fürbittengebet. Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und des DRK Reichenbachs standen Mahnwache.
 
Folgend die Ansprache von Bürgermeister Franz Masino im Wortlaut:
„Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, sehr geehrter Herr Pfarrer Andreas Waidler, sehr geehrter Herr Pastoralreferent Thomas Ries, werte Gemeinderäte und Jungendgemeinderäte, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Jugend, können wir verhindern, dass Erinnerungslücken entstehen?
Sie, liebe Waldbronner Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Sie sich hier um das Kriegerdenkmal am Sonntagmittag des Volkstrauertages versammelt haben, sind nicht in Gefahr, zu vergessen. Sie sehen den Tag als einen Tag der Trauer und der Mahnung aber auch der Hoffnung auf Versöhnung und als Verpflichtung für die Zukunft. Die vielen Millionen Opfer der beiden Weltkriege und die täglich neuen Opfer von Gewalt und Verbrechen nach 1945 haben uns gelehrt, nicht zu vergessen. Darum sind wir hier.
74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fällt es vielen Menschen – insbesondere den jüngeren – schwer, die Bedeutung, die der Volkstrauertag für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration hatte, zu begreifen oder gar zu teilen. Schon allein deshalb freue ich mich ganz besonders, dass auch einige Jugendliche und junge Erwachsene an dieser Veranstaltung teilnehmen. Denn es kann und darf nicht sein, dass der Volkstrauertag in nicht allzu ferner Zukunft ein Gedenktag ohne Volk wird. Zeitzeugen und noch direkt betroffene Nachkommen der Kriegsgeneration sterben aus, aber die Mahnung an uns Menschen muss gerade am Volkstrauertag lebendig bleiben. Die Selbstverständlichkeit an diesem Sonntag im November, wie an allen anderen Tagen des Jahres, in Frieden und Freiheit zu leben, dieses für uns Alle doch seit Jahrzehnten so Selbstverständliche, ist nicht selbstverständlich.
Es ist wichtig, heute am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken. So haben wir uns heute hier eingefunden. Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind.
Und denken wir auch daran, dass neben uns und mit uns noch immer viele Opfer von Krieg und Gewalt leben. Nicht nur die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Nach wie vor werden Menschen in vielen Teilen der Welt Opfer von Willkür und Terror. Auch mit diesem gegenwärtigen Schrecken müssen wir uns am Volkstrauertag auseinandersetzen.
Am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen, egal welcher Hautfarbe, Rasse oder Glaubensrichtung. Ich habe den Begriff „Rasse“ ganz bewusst gewählt. Denn gerade heute, wo rechte Kräfte die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern.
Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft für alle Menschen zu gestallten. Deshalb verdient es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer, ob gestern, vor wenigen Jahren, im Ersten oder Zweiten Weltkrieg, verdient es, dass man sich seiner erinnert.
Unser Blick gilt in diesem Jahr primär unserem Nachbarland Polen. Am 01. September 1939, also vor 80 Jahren, überfiel Deutschland Polen. Dieses Datum wissen und kennen viele. Aber was dann in den Jahren der Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst. Eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt brach über das polnische Volk herein. Die Polen wurden als minderwertige Rasse betrachtet und ihr Land sollte als Lebensraum für Deutsche genutzt werden. Vertreibungen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeitern und hemmungslose materielle Ausbeutung waren allgegenwärtig. Die jüdische Bevölkerung Polens wurde in Ghettos zusammengetrieben und später dann nahezu vollständig ausgelöscht.
Auschwitz, Majdanek, Kulmhof, Belzec, Treblinka und Sobibor. Industrielle Vernichtung Andersgläubiger. Von vielen wohl schon vergessen? Wie kann es sein, dass gewählte deutsche Volksvertreter das Mahnmal in Berlin als Mahnmal der Schande bezeichnen? Oder auch die Naziherrschaft, dieses tausendjährige Reich, als Fliegenschiss in der deutschen Geschichte. Mir verschlägt es da die Sprache.
Ja, in letzter Zeit meldet sich verstärkt der Nationalismus zurück, ein Schreckgespenst, von dem wir eigentlich glaubten es überwunden zu haben. Warum betone ich das heute? Wir, die wir uns hier versammelt haben, müssen uns nicht schuldig fühlen. Aber im Wissen um unsere Geschichte machen wir uns schuldig, wenn wir als Menschen, als Christen dem aufkommenden Antisemitismus und damit einhergehenden nationalistischen Tendenzen nicht entgegentreten. Aus der Geschichte lernen, sich für Frieden und Freiheit aller Menschen einsetzen. Dass der Volkstrauertag durch rechtsgerichtete Strömungen plötzlich wieder eine ungeheure Aktualität erfährt, muss für uns Auftrag sein.
Krieg kennt keine Sieger, Krieg kennt nur Verlierer. Die Zahl der Opfer ist meist unüberschaubar. Jeder einzelne Tote hatte seine Familie und seine Freunde, die um ihn trauern. Dies sollte uns die Tragweite des heutigen Tages bewusstmachen. Und Krieg kennt keine Helden, obwohl auch dort immer wieder heldenhaft gehandelt wurde. Für den Kameraden, auch für den Feind, für die Gefangenen.
Am heutigen Tag sollten wir nicht nur zurückblicken, um aus der Geschichte zu lernen sondern der Volkstrauertag fordert uns auf, unsere Zeit heute kritisch zu prüfen. Gerade in Bezug auf die vielen Vorurteile zwischen Nationen, Völkern, Rassen und Religionen. Diese müssen abgebaut werden. Dazu müssen Verbindungen, Freundschaften aufgebaut und gepflegt werden. Wir sind stolz auf unsere Partnerschaften in Europa, wir sind stolz auf die Arbeit, die bei uns für die Flüchtlinge aus vielen Regionen dieser Welt geleistet wird. Allen, ob haupt- oder ehrenamtlich ein ganz großes Dankeschön dafür. Einen extra Dank an die Gruppe „Willkommen für Fremde“ bei uns hier im Ort. Überragend, was dort alles geleistet wird. Das ist unser Beitrag zu Frieden und Freiheit in Europa und ein Stückchen darüber hinaus.
Wie dankbar können wir sein, seit Jahrzehnten in Frieden und Freiheit zu leben. Der Volkstrauertag ist ein Tag der Selbstkritik und der Mahnung, aber auch der Hoffnung und Zuversicht für eine friedliche Zukunft auf der ganzen Welt. Eingeführt wurde dieser Tag 1952 in deutlicher Abgrenzung zum nationalsozialistischen Heldengedenken. Von Anfang an wurde dazu aufgerufen, an die Opfer von Diktaturen zu erinnern. Ebenso an Menschen, die aus politischen, religiösen oder sogenannten rassistischen Gründen verfolgt wurden und werden.
Trotz des traurigen Gedenkens an Krieg und Gewalt am Volkstrauertag ist der Tag heute auch ein Tag der Hoffnung.
Der Sonntag ist nach unserem christlichen Verständnis der erste Tag einer neuen Woche. Er gibt uns immer wieder die Chance in einem christlichen Miteinander, egal welcher Glaubensrichtung- wir haben alle den gleichen Gott, für Frieden und Freiheit zu kämpfen. Denn es gibt keinen gerechten Krieg und es gibt keine gerechte Gewalt. Tun wir etwas dagegen.
Meine Damen und Herren, unsere gemeinsame Erinnerung am Volkstrauertag an die Millionen Toten muss uns die persönliche Aufforderung sein, tagtäglich den Weg des Friedens zu gehen – ein Weg, der lang und beschwerlich, aber darum nicht weniger lohnenswert ist.“


Pfarrer Andreas Waidler gemeinsam mit Pastoralreferent Thomas Ries

Pfarrer Andreas Waidler griff in seiner Ansprache die Themen Trauer und Schmerz, aber auch Hoffnung und Trost auf. Er stelle sich den Volkstrauertrag in einem selbst gemalten Bild mit den Farben Schwarz für Schmerz und Tod und sowie Rot für Blut und Feuer vor. Aber auch ein goldener Hoffnungsstrich zöge sich durch sein Bild, der für die Verantwortung und die Hoffnung auf Frieden stehe. Nicht zu vergessen eine Taube, die als Symbol für Versöhnung gilt.  

Nach den Worten von Waidler und Ries bedankte sich Bürgermeister Masino bei allen, die zum Gelingen der Feierstunde beigetragen haben. Er erinnerte ebenfalls an die vielen Kriegsgräberstätten, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut und gepflegt werden. Für deren engagierte Arbeit bedarf es finanzieller Mittel. Deshalb wurde für diesen Zweck gesammelt. Die Feierstunde endete mit der gemeinsam gesungenen Nationalhymne. Anschließend ging Bürgermeister Masino zum Ehrenmal und gedachte dort nochmals in aller Stille der zahlreichen Opfer aus allen Kriegen.
Danach wurden an den Gefallenendenkmälern in Etzenrot und in Busenbach ebenfalls Kränze niedergelegt.

Nach der Feierstunde in der Kirche gedachte Bürgermeister Masino am Ehrenmal der Opfer aus vergangenen und gegenwärtigen Kriegen.

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