Gemeindenachricht

Fluchtgedanke


Wesentlich nüchterner, und vereinzelt unterschwellig mit Ablehnung behaftet, klingt daneben „Mund-Nasen-Maske“ oder „Community-Maske“. Die Maske hat somit nicht nur einen funktionellen Charakter, sie wirkt auch emotional! Somit fußt es letztlich auf unserer persönlichen Einstellung und Betrachtungsweise, wie es uns im Umgang mit dem neuen Kleidungsstück geht. Zugegeben, als Neuerung in unserem Alltag sind die Masken für uns allemal fremd, ja be-fremdlich aber eben notwendig und daher irgendwie toleriert.
 
Wer, sagen wir mal vor einem Jahr im Mai, in Waldbronn mit einer Mund-Nasen-Maske oder einem Schal im Gesicht im öffentlichen Raum unterwegs gewesen wäre, wäre definitiv aufgefallen. Die Assoziationen reichen hier von Bankräuber bis hin zum eingebildeten Kranken (Hypochonder). Ebenso kommen mir Menschen in Asien in den Sinn, die mit bewährter Routine in ihrer Heimat eine Mund-Nasen-Maske tragen, um sich gegen Feinstaub, Pollen oder Verschmutzung der Luft zu schützen. Für diese Menschen ist die Mund-Nasen-Maske ein vertrautes und in ihrer Gesellschaft akzeptiertes Element und somit auch Teil ihrer persönlichen aber auch gesellschaftlichen Identität.

Identität entsteht übrigens, ohne hier weiter zu differenzieren, wenn eine Person sich mit anderen Personen vergleicht und dabei Unterschiede und Ähnlichkeiten wahrnimmt.
In der Folge beeinflusst dieses Vergleichen das eigene soziale Verhalten. „Weil ich selbst tätowiert bin, habe ich eine höhere Akzeptanz von Menschen mit Tattoos“, „Wenn die Menschen in meinem Wohnviertel eine Maske tragen, dann trage ich auch eine“. Genau diesen Effekt erleben wir derzeit: Nachbarn sorgen plötzlich für einander, Bürgerinnen und Bürger nähen Masken und hängen sie zur freien Abgabe an die Garage, Jugendliche gehen für Senioren einkaufen. Die Maske als Forderung der präventiven Rücksichtnahme ist zugleich auch ein gesellschaftliches Bindeglied. Was vorher fremd, ja be-fremdlich war, ist nun akzeptiert: Abstand halten, Hände desinfizieren, Masken tragen, sich um Mitmenschen kümmern.
 
Dieser aktuelle gesellschaftliche Prozess erinnert mich an die starke Zuwanderung von Flüchtlingen in 2015.  Die unvermittelte Begegnung mit vielen Menschen anderer Nationalität, Sprache und Kultur war für uns alle fremd, ja vielleicht auch be-fremdlich aber eben eine herausfordernde, humanitäre Notwendigkeit.
In einem sozialen Umfeld der Annahme und Solidarität wurden die geflüchteten Menschen 2015 durch viel bürgerschaftliches Engagement aufgenommen und über die Zeit in unsere Gesellschaft hinein begleitet. Da dies zum Glück bis heute anhält, entwickelten sich in unserer Gesellschaft „Lern-Räume“ – Kindergarten, Schule, Arbeit, Sprachelernen, Begleitung bei Behördenterminen etc. - in denen für die geflüchteten Menschen die deutsche Gesellschaft mit ihren Werten und ihrer Kultur erfahrbar sind aber, auch die Unterschiede und Ähnlichkeiten zur Herkunftskultur. Eben genau dieser Prozess- dieses Erfahrungslernen- befähigt zu einer vollen gesellschaftlichen Teilhabe und fördert auf gute Weise die Identität der Migranten in neuer Gesellschaft. So wie wir alle lernen müssen mit Schnutenpulli, Abstand und neuen Regeln umzugehen, müssen die geflüchteten Menschen ihren prozesshaften Weg der Integration beschreiten.
Was für sie, wie auch für uns, fremd, ja be-fremdlich war, wird zunehmend vertrauter: unterschiedliche religiöse Feste und Riten, Konsens über das soziale Miteinander, Kleidung als Botschafter der kulturellen Herkunft, Speisen- und Tischkultur, Werteverständnis von Freundschaft und Familie.
 
Die gemeinsame Integrationsbemühung als Forderung für eine gelingende Gesellschaft mit kultureller Vielfalt ist zugleich auch ein wertvolles gesellschaftliches Bindeglied. Sie hat nicht nur einen rein funktionellen Charakter, sondern wirkt auch emotional. Im Positiven wie auch im Negativen. Es liegt also an uns allen, diesen Prozess in guter Weise zu gestalten.
Vergleichbar mit den pandemiebedingten neuen Verhaltensweisen braucht es dazu auch weiterhin einen klaren Willen aller Beteiligten, Rücksichtnahme, Unterstützungsangebote, Wissensvermittlung und Geduld.
 
Der Schnutenpulli an sich wird die Pandemie sicherlich nicht eindämmen, es braucht hier neben anderen Faktoren ein konsequentes Anwenden und Einüben im Alltag. Dann ist es letztlich nur noch die Frage der persönlichen Einstellung, ob wir das Gefühl haben, dass er uns „gut zu Gesicht steht“.

Bleiben Sie gesund und offen für die Integration geflüchteter Menschen.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Christl
Integrationsbeauftragter
 

 

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